Wenn die Arbeit nicht zur Arbeitslosen kommt, muss die Arbeitslose zur Weiterbildung gehen

Die Schüler blicken sich fragend an. „Was sollen wir machen?“ Die Aufgabenstellung will erstmal verstanden werden. Die Schüler, das sind Erwachsene zwischen 25 und 53. Sie bilden Gruppen, in denen sie gemeinsam an der Umsetzung der Aufgabe arbeiten. Leises Stimmengemurmel erfüllt den Raum 2 des LVQ Weiterbildungszentrums in Mülheim an der Ruhr. Hier sollen 25 Fremde vier Wochen zusammen in einem Raum verbringen. 28 Tage, 8 Stunden täglich, angefüllt mit Wissen! Gemeinsamkeiten gibt es: alle sind arbeitslos und alle sind für den Moment wieder Schüler, die mit den Hühnern aufstehen und schlafen gehen müssen. Meine Arbeitslose ist eine davon. Ich begleite sie ein Weilchen auf ihrem steinigen Weg, der dennoch von Blumen gesäumt ist.

Möglichkeiten einer Arbeitslosen

Wochen zuvor saß sie noch im Jobcenter bei ihrem Arbeitsvermittler und freute sich über die Möglichkeit einer Weiterbildungsmaßnahme zur IHK-zertifizierten Online-Redakteurin. Nicht alle freuen sich über derlei Maßnahmen, wie ich während der Schulung später herausfinden sollte. Nach Monaten, bei manchen sind es Jahre, haben dennoch viele einen kleinen Funken Hoffnung, dass die Weiterbildung bei der Jobfindung hilfreich sein könnte. Alles ist besser als Stillstand. Was für den Arbeitslosen eine Besonderheit darstellt, ist für den erfahrenen Arbeitsvermittler des Jobcenters tägliche Routine. Trotzdem gab sich dieser Berater ehrliche Mühe, Motivation und Zuversicht zu vermitteln. Mit Erfolg! Voller Tatendrang rief die Arbeitslose bei der LVQ in Mülheim an, um sich nach einem freien Platz zu erkundigen.

Ängste im Vorfeld

Freundlich und hilfsbereit erklärte ihr die gute Seele des Hauses, Frau Ursula Neumann, dass es noch wenige freie Plätze gäbe. Das Gesicht der Arbeitslosen strahlte bei dieser guten Nachricht, wie die Sonne nach tagelangem Regen. Doch nicht allein muss sich die Arbeitslosen für eine Einrichtung entscheiden, auch das Institut schult nicht jeden Kandidaten. Herr Martin Salwiczek, Projektmanager für Marketing und Social Media, Berater, Trainer und Blogger des Hauses, interviewt den Kandidaten hinsichtlich seiner Qualifikationen. Man wird schließlich weitergeschult, und nicht von Grund auf ausgebildet. Die Arbeitslose war besorgt, dass ihre Qualifikationen nicht ausreichen würden. Wenn sie besorgt ist, zieht sich ihre Stirn zusammen, was sie grimmig aussehen lässt. Ihre Ängste sind förmlich spürbar. Ängste, die jeder Arbeitslose kennenlernt, die Angst zu versagen, wieder abgelehnt zu werden. Herr Salwiczek zog jedoch den Schluss: „Ich habe den Eindruck, dass Sie gut hierher passen.“

Infografik LVQ

Das LVQ Weiterbildungszentrum

Die LVQ beschäftigt mehrere Frauen. Ich habe an der Seite meiner Arbeitslosen vier von Ihnen getroffen. Frau Neumann aus dem Vertrieb, die sich das Büro mit Frau Jäger teilt, begegnete uns am Tag der Anmeldung. Der Eingangsbereich des Instituts glich einer verlassenen Geisterstadt. Prüfungstag und laufende Kurse lautete die Erklärung. Die zweite Etage des Instituts weckt Urlaubsstimmung. Ein Strandkorb erinnert an den Strand und lädt zum Ausruhen ein. Ein Kaffeevollautomat lockt mit schwarzem Gold. Direkt dahinter gelangt man in das Reich der zwei Vertrieblerinnen, wo man mit heiterem Lachen begrüßt wird. Es herrscht eine entspannte und lockere Atmosphäre, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass die Arbeit hier dennoch sehr ernstgenommen und professionell erledigt wird. Aber wenn ein Löffelchen voll Zucker bittere Medizin versüßt, rutscht sie bekanntermaßen gleich nochmal so gut. Ganz nach diesem Prinzip bekommt man manchmal bei der Anmeldung ein Stück von Frau Neumanns außerordentlich köstlichem und selbstgemachtem Streuselkuchen serviert. Wenn man Glück hat wie wir.


Das Bildungszentrum der Lehr- und Versuchsgesellschaft für Qualität, kurz LVQ, wurde 2000 erbaut und ist mit der Bahn gut zu erreichen. Sowohl vom Mülheimer Hbf als auch vom Duisburger Hbf ist man man mit der Linie 901 in ca. 10 Minuten am Speldorfer Betriebshof, von da aus ist es dann ein kurzer Fußweg.

Der erste Schultag

Blau, weiß und grau dominieren hier, wie man es sonst nur aus dem Griechenlandurlaub kennt. Aber man ist nicht hier, um Ferien zu machen, sondern um zu lernen, um sich selbst Möglichkeiten für die berufliche Zukunft zu schaffen. Verschlafene Gesichter begegnen einem am frühen Morgen, man grüßt sich zaghaft. Die Raucher bilden Grüppchen, viele kennen sich bereits aus vergangenen Seminaren. Die Stimmung erinnert tatsächlich an die Schulzeit. Die Arbeitslose ist aufgeregt und gespannt, was sie tatsächlich gleich erwartet.


Zur Tür hinein befindet sich das Treppenhaus, die Seminarräume liegen im Erdgeschoss, ebenso wie die Toiletten. Man findet sich leicht zurecht. Durch die Glastür gelangt man zum Empfang und der Verwaltung, von wo aus Frau Weber und Frau Hildebrand sowohl die Lernenden als auch Herrn Fleck, den freundlich lächelnden Ausbildungsleiter, mit Rat und Tat unterstützen.


Biegt man rechts ab, kommt man am IT-Raum vorbei, in dem Marvin Müller regiert. Geradeaus führt der Weg zum Pausenbereich und zum Seminarraum 2. Von überall ertönt ein „Guten Morgen!“. Vor dem Kaffeeautomat hat sich eine Schlange gebildet.  Rasch, rasch in den Seminarraum! Es ist 8 Uhr, der Unterricht beginnt. Während man in der Schule noch dösen konnte und mit halbem Ohr zuhören konnte, erlebt man hier ein straffes Programm. Vier Wochen sind kurz und Stoff ist reichlich vorhanden. Als Arbeitslose muss man hier aufnahmefähig und konzentriert sein. 


Der Meister und seine Lehren

Herr Dr. Mirbach steht vor seinen erwachsenen Schülern und stellt den Lehrplan vor. Der Raum ist groß, die Tische in klassischer U-Form aufgestellt. Ein jeder hat einen Bildschirm vor sich stehen, die Ausstattung ist perfekt auf die kommende Arbeit ausgerichtet. „Ziemlich cool!“, kommentiert die Arbeitslose. Sie meint sowohl die Ausstattung als auch den Dozenten. Eine breite Fensterfront sorgt für Helligkeit, so dass man darauf verzichten kann, das künstliche und ermüdende Licht anzuschalten. Ein moderner Beamer überträgt die wichtigsten Informationen auf die Wand. 

„Ihr braucht nicht mitschreiben! Ich werde die Informationen als Datei im Dozentenordner hinterlegen“, informiert Herr Dr. Mirbach. Ein erleichtertes Raunen geht durch den Raum.

Die folgenden fünf Tage dozierte Herr Dr. Mirbach, intensiv und gut strukturiert, über grundlegende Aspekte des journalistischen Schreibens. Die Schüler der Weiterbildung hörten mit gespitzten Ohren und gezückten Stiften zu, schließlich galt es die IHK-Prüfung zu bestehen. Derweilen lernten sie einander ein wenig besser kennen.

Wenn es lautlos gongt

In den Pausen strömen die Menschen aus den Seminarräumen. Die einen eilen zu den Toiletten, die anderen zum Kaffeeautomaten, der Rest geht flotten Schrittes vor die Tür, um sich eine Zigarette anzuzünden. Wieder bilden sich Grüppchen, man hört Stimmengewirr und sieht Leute, arbeitslose Frauen und Männer, in Gespräche vertieft. Das sind keine faulen und unqualifizierten Menschen, die man vor sich hat. Es sind Personen unterschiedlichen Alters aus verschiedenen Bereichen, mit Ausbildungs- oder Hochschulabschlüssen. Um dem Tempo der Weiterbildung folgen zu können, muss man durchaus gewisse Voraussetzungen erfüllen. Die Erwartungen sind nicht niedrig, die Erwartungen an sich selbst bei manchen sogar noch höher.


Mist, das funktioniert nicht!

Murphys Gesetz gilt überall, so auch hier. Wenn ein Rechner streikt, kommt der Mann
vom Fach und kümmert sich darum.

Sein Name: Marvin Müller.


Seine Missionen: Dafür sorgen, dass die Technik läuft, und den Schülern grundlegende Kenntnisse der Informationstechnik und der Hypertext Markup Language (HTML) vermitteln.

Die Arbeitslose geht auf Entdeckungstour

Sofern es nicht regnete, machte die Arbeitslose in der Mittagspause gerne einen Spaziergang. Die nähere Umgebung des Bildungszentrums bietet dazu die Gelegenheit. Der Raffelbergpark befindet sich quasi um die Ecke. Aber auch an dem Zentrum kann man die blühende Flora und Fauna begutachten. Die Augen und der Geist kommen dabei ein wenig zur Ruhe und man tankt neue Energie.


Auch einige andere Seminarteilnehmer haben, jenseits des Trubels im Pausenraum, nach Ruhe und Entspannung gesucht. Manch einer gönnte sich im Auto ein kleines Nickerchen und kehrte mit neuer Energie geladen zum Unterricht zurück.

Sozial mit Unterhaltungswert

Dass man Inhalte kanalspezifisch aufbereiten und verbreiten muss, wurde der Arbeitslosen und ihren Spießgesellen von Herrn Christian Müller beigebracht. Er brachte den Seminarteilnehmern auch weitere wesentliche Aspekte des Content Managements auf seine ganz eigene Genie-Art bei. Know-how meets Entertainment! Weitere drei Tage vergingen und die sich nähernde IHK-Prüfung begann aktuelles Gesprächsthema zu werden. Wie solle man den ganzen Stoff lernen? Würde man alles behalten können? Was würde passieren, wenn man nicht besteht? Obwohl alle die bisher vermittelten Inhalte weitestgehend verstanden hatten, machte sich leichte Unruhe breit. Das wohlbekannte Ungeheuer, die Angst zu versagen, schien erwacht zu sein. Aber auch der Ehrgeiz, der Wille die Prüfung zu bestehen, war geweckt.

Frauen vom Fach

Kurz vor der Prüfung war es dann an zwei Frauen, den Seminarbesuchern ihr fachspezifisches Wissen zu vermitteln. „Mir ist die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Beleidung nicht ganz klar. Wann ist es eigentlich eine Beleidigung und somit strafbar?“, fragte die Arbeitslose zu Beginn der juristischen Einführung. Eine Frage, die sich sicherlich viele im Kurs stellten. Die Anwältin, Astrid Christofori, erklärte auf hochgradig verständliche Weise, was ein Journalist darf und welche Handlungen juristische Folgen nach sich ziehen können, und der Kurs lauschte gebannt. Die Folge war unter anderem ein sensibilisiertes Bewusstsein für Urheberrecht und Nutzungsrecht. Des Weiteren gab es viele Aha-Erlebnisse. Die gab es auch bei der Fotografin Jenny Janson, dazu aber auch jede Menge Spaß. In Gruppen wurden kurze Videos aufgenommen, die Jenny beispielhaft zusammenschnitt. Die Ergebnisse sorgten für Unterhaltung. Sie verdeutlichten den Einfallsreichtum der einzelnen Seminarteilnehmer und lockerten die durch die nahende Prüfung angespannte Atmosphäre, zumindest für den Tag, auf.

Brücken, nicht Barrieren

Hier verlasse ich die Arbeitslose, und lasse die Seminarteilnehmer in Ruhe für die anstehende Prüfung lernen. Viele unterschiedliche Menschen, die an einem bestimmten Ort für einen bestimmten Zeitraum zusammenkommen, bilden ganz eigene Formen der Dynamik. Es herrscht ein Ausnahmezustande, ein bisschen wie früher auf einer Klassenfahrt, weil jeder weiß, dass diese Konstellation so nie wieder stattfinden wird. Eine Weiterbildung ist besonders, weil man sich auf Menschen und Umstände einlässt, auf die man sich sonst vermutlich nie eingelassen hätte. Man kann Erkenntnisse gewinnen, über andere und über sich selbst. Man kann seine eigenen Grenzen erforschen, und sie überschreiten. Man kann sein Wissen erweitern und seine Fertigkeiten. Man kann erkennen, dass man nicht alleine dasteht, und dass es viele furchtbar kompetente Menschen gibt, die ohne Job sind. Auch wenn letztlich jeder für sich allein weiterkämpfen muss, erkennt man möglicherweise, dass – wie der Dalai Lama immer wieder betont – uns viel mehr verbindet als was uns trennt.  
„Was sollen wir machen?“ – „Weiter! Wir machen einfach weiter!“


Recht herzlichen Dank an die LVQ und alle Mitarbeiter und Dozenten!

Ich freu mich auf eure Kommentare und Gedanken!

16 Gedanken zu „Wenn die Arbeit nicht zur Arbeitslosen kommt, muss die Arbeitslose zur Weiterbildung gehen

  1. Das hast du so großartig gemacht,jedes einzelne Wort liest sich so fluffig wie nix <3 Ich wünsche dir einen guten Start am 01.08 und vergiss die goldenen Zeiten nicht- selbst wenn ich mit krücken kommen muss, so werde ich da sein! Lots of love, susi

  2. Super Reportage; schön lebendig geschrieben! Ja, die Weiterbildung an der LVQ ist Zuckerbrot und Peitsche: Gewaltige Lernmassen, die innerhalb kürzester Zeit vom Skript in den Kopf müssen, aber man bekommt Dozenten an die Seite gestellt, die einem das Lernen ‚versüßen‘. Werde die Zeit in guter Erinnerung behalten, nicht zuletzt wegen der tollen Menschen, die ich hier kennenlernen durfte ♡

  3. Meine Liebe, das hast du sooooooo toll geschrieben und es ist alles so wahr!!!

    Vor allem diese Stelle ist ganz besonders: „Auch wenn letztlich jeder für sich allein weiterkämpfen muss, erkennt man möglicherweise, dass – wie der Dalai Lama immer wieder betont – uns viel mehr verbindet als was uns trennt.
    „Was sollen wir machen?“ – „Weiter! Wir machen einfach weiter!““

    Wirklich klasse, mach bitte weiter so <3

  4. Toller Text. Hab den Monat nochmal an mir vorbei rauschen sehen. Als du die arbeitslose verlassen hast wurde ich ganz traurig. Denn der halbe Monat war ja noch vor uns. Haben noch mehr erlebt, sind zusammengewachsen und hatten viel Spaß dabei.

    Der Bericht bestärkt mich wie sehr ich die Zeit bei der LVQ genoßen habe und wie sehr ich alles vermissen werde.

    • Vielen Dank! 🙂
      Eine sehr schöne Erinnerung, die bleibt.
      Es kommen aber ganz viele neue Abenteuer auf uns zu, wenn wir es zulassen…
      Bin gespannt, was jeden erwartet.

  5. Liebe Branka,

    wenn mich in Zukunft jemand fragt, wie es so bei der LVQ ist, empfehle ich Deinen Artikel. Wenn mich in Zukunft jemand fragt, wie die Teilnehmer ticken die bei uns eine Weiterbildung machen, welche Gedanken, Ängste und Hoffnungen sie haben, empfehle ich Deinen Artikel. Habe Deinen Beitrag als Pflichtlektüre an alle Mitarbeiter der LVQ geteilt.

    Großartig, sehr gut gelungen. Ich bedaure es, dass wir keine Gelegenheit hatten uns besser kennenzulernen und wünsche Dir ganz viel Erfolg auf Deinen weiteren Weg.

    Liebe Grüße,
    Martin

    • Lieber Martin,

      ich danke dir sehr. Dein Kompliment ehrt mich.
      Ich finde es auch sehr bedauerlich, dass wir die Gelegenheit nicht hatten. Es heißt, dass man sich immer zweimal sieht… ich hoffe, dass es stimmt.
      Dir und der LVQ nur das Beste!
      Keep up the good work! 🙂
      Beste Grüße!

  6. Klasse Artikel, der die Atmosphäre der LVQ super beschreibt. Auch wenn ich nur die Akademie am Wochenende besucht habe und als Dozent für Social Media die „andere“ Seite erlebe, gibt es genau den Eindruck wieder, was die LVQ ausmacht.
    Auch ich genieße den Kaffee und die gute Stimmung in der 2. Etage und die guten Seelen…

    • Liebe Silke,
      vielen Dank!
      Ein Artikel über die ‚andere Seite‘ ist bestimmt sehr interessant. 🙂
      Schön, dass andere es ebenso wie ich empfinden.
      Beste Grüße

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