Bei den Eiern gepackt

Als ich zu meiner Studienzeit eine Hausarbeit zu dem Thema „Ungewollte Schwangerschaften in der Weimarer Republik“ verfassen musste, sah ich mich mit einem Thema konfrontiert, über das ich bis dahin keinen Gedanken verschwendet hatte.
Nein, damit meine ich nicht das Thema Abtreibung, denn das war schon zu Teenagerjahren ein immer beliebter Grund zu diskutieren gewesen.
Die Parole Mein Bauch gehört mir! kannte man ja schon. Alter Hut!

Die Weimarer Republik (1918 – 1933) mit ihrem guten Ansatz, Deutschland zu einem demokratischen Land zu machen, auch nicht.
Im Geschichts-LK hatte man dies auch zur Genüge durchgekaut.
Aber immer wieder wichtig: 1918 bekamen die Frauen in Deutschland endlich ihr Wahlrecht! Yay, ein Hoch auf die Weimarer Republik!

Bleibt also noch der Aspekt ‚ungewollt‘…
Stellt sich die Frage, wie dieser zu interpretieren ist.

Der Paragraph §218 kurz angerissen

Vor der Weimarer Republik, genauer 1871 im Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches festgeschrieben und im Januar 1872 in Kraft getreten, war den Frauen ein Schwangerschaftsabbruch nicht gestatten.
Er wurde mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus bestraft.
Während der Weimarer Republik kämpften die Frauen für eine Lockerung des Paragraphen.

Böse Zungen behaupten, dass dies nicht im eigentlichen Sinne eines Kampfes für die Gleichberechtigung geschah, dass die Frauen dies nicht im Bewusstsein einer gewünschten Emanzipation taten.
Ich würde sagen: so what?
Gekämpft haben sie trotzdem, damit es ihnen in einer von Männern dominierten Welt besser ging und ihr Leben leichter wurde!

Dieser Kampf führte 1926 dazu, dass der §218 minimal gelockert wurde. Man wurde mit Gefängnis bestraft.
(Ja, es besteht ein Unterschied zwischen den Ausdrücken ‚Zuchthaus‘ und ‚Gefängnis‘ in den damaligen Gesetzestexten! Das Zuchthaus war eine sehr viel schlimmere Einrichtung. Wer mag, kann ja recherchieren.)
Der Zeitraum blieb offen und mildernde Umstände konnten berücksichtigt werden. Zudem wurden medizinische Aspekte berücksichtig, sofern Gefahr für das Leben der Mutter nachgewiesen werden konnte.

Der Kampf hatte zwar nicht viel gebracht, aber immerhin eine sehr kleine Besserung. Vom heutigen Paragraphenzusatz war man noch weit entfernt.

Aber alles muss irgendwo einen Anfang haben.

Ungewollt….

Man muss sich die Zeit vor Augen führen.
Der erste Weltkrieg war gerade vorbei, die Lage eher kläglich.
Armut dominierte, Frust und Verlust.
Die Idee der Weimarer Republik war eine hervorragende gewesen, nur leider war die Zeit nicht unbedingt bereit für derlei modernes Gedankengut. Was sich ja in den darauffolgenden geschichtlichen Ereignissen dann auch zeigte.

Männer waren sexuell unausgeglichen aus dem Krieg zurückgekehrt, manche Frauen blieben ohne Mann zurück. 
Die Verlierer mussten ihrer Männlichkeit wieder habhaft werden.
Vergewaltigungen sind da eine logische, wenn auch inakzeptable, Konsequenz.

Wenn die Frau dabei schwanger wurde, hatte sie laut dem Gesetz eben Pech gehabt. (Achtung Ironie!) Vermutlich selbst schuld, da sie so aufreizend in ihrem Kleidchen die Straße entlanggegangen ist! (Ironie Ende!)
Die Frau musste das Kind also austragen, behalten, großziehen, immer wieder an den katastrophalen Vorfall erinnert werden.
Was soll’s! Frauen sind gemacht, um Kinder zu bekommen… wie es zu der Schwangerschaft kam, ist da eher unwichtig.

Und das Land brauchte Männer, Soldaten…. Ach ne, das kam ja erst ein paar Jährchen später zur Geltung. Tschuldigung… falscher Zeitrahmen.

Dann gab es natürlich auch die Frauen, die sich ihrer Sexualität bewusster waren und ohne Mann waren oder zurückblieben.
Das eine oder andere Abenteuer wollte gelebt werden. Die goldenen Zwanziger brachten zusätzlich eine neue Art der Frau hervor, selbstständiger und selbstbewusster.

Noch waren empfängnisverhütende Mittel, und ja, es gab sie, nicht wirklich gerngesehen und schwer erschwinglich.
Die logische Folge: Frauen wurden in dem Ausleben ihrer Lust ungewollt schwanger.  

Aber was mich damals wirklich entsetzt hatte, war die Rolle der verheirateten (armen Arbeiter-)Frau.
Als Kind der 80er war ich im Disney’schen Sinne der Liebe aufgewachsen.
Natürlich war ich zu meiner Studienzeit nicht mehr so verblendet zu glauben, dass alle nur aus Liebe heiraten oder glücklich bis zu ihrem Lebensende sind.
Ich bin schließlich auch ein Scheidungskind. Dennoch hatte ich mir bis damals nie konkret vor Augen geführt, wie viele Ehen früher, und einige auch noch heutzutage, abliefen und laufen.

Ehe aus der Notwendigkeit heraus und ungewollter Sex

Auch verheiratete Frauen wurden und werden vergewaltigt. Alles was ich über frühere Zeiten schreibe, findet sich zu geringeren Teilen auch in der Gegenwart der industriellen Länder vor.
Frauen haben nicht vorrangig aus Liebe geheiratet, sondern weil es eine Notwendigkeit war, um zu existieren.
Der Mann verdiente das notwendige Geld, denn Frau durfte nur bedingt arbeiten, wenn keine Männer da waren. Somit brachte der erste Weltkrieg den Frauen ein wenig Selbstständigkeit, die sie hinterher jedoch wieder verloren, bis zum zweiten Weltkrieg.

Aber zurück zum Thema:

Die Frau war abhängig von dem Mann. Sofern sie keinen liebenswerten Trottel gefunden hatte, der sie dennoch mit Anstand behandelt, hatte sie ein Problem.
Da  Verhütungsmittel teuer waren, konnte die Arbeiterfrau diese nicht kaufen. Sie musste ja schließlich auch durchschnittlich 6-8 Mäuler stopfen.
Sie hatte nicht unbedingt die Wahl, ob sie mit ihrem Mann schlafen wollte oder nicht. Sie hatte es einfach zu tun, das war eine ihrer Aufgaben als Ehefrau.
Wenn der Sack über sie rollen wollte, ließ sie es geschehen.

Da war nix mit Liebe, Lust, Leidenschaft, gegenseitigem Respekt, Spaß für beide.
Es war eine Pflicht, wie die Kinder zu füttern und die Stube zu fegen. Das war das Leben einer Frau…. 
Und wenn sie dann mit dem nächsten Kind schwanger wurde, musste sie schauen, wie sie mit dem Problem klarkam.

Die Zahlen der illegalen Abtreibungen in diesen Jahren sind sehr hoch.
Viele Frauen wussten sich nicht anders zu helfen, der Staat und das Gesetz halfen da nicht weiter. Die Gefahr ins Zuchthaus, später dann Gefängnis, zu müssen, wurde in Kauf genommen. Dies verdeutlicht den furchtbaren Lebenszustand dieser Frauen.

Ein Hoch also auf die Frauen, die es gewagt haben, den Mund aufzumachen und Rechte einzufordern!

Was Salz & Pfeffer konnten, können wir auch

Ich unterhalte mich gerne mit den Frauen der Generation unserer Mütter.
Über das Leben, Ansichten und den Sex. Ich finde deren Wahrnehmung und Lebensweise immer wieder faszinierend, da meine Selbstverständlichkeiten nicht die ihren sind.

Wenn mir also eine 60jährige Frau sagt, dass sie Sex doof findet, ziehe ich daraus den Schluss, dass sie in ihrem Leben nicht ein einziges Mal wirklich guten Sex gehabt hatte. Ich ziehe den Schluss, dass sie sich nie ihrer eigenen Sexualität bewusst geworden war. Dass der Mann oder auch die zwei Männer, mit denen sie geschlafen hatte, scheiße im Bett waren.

Unsere Mütter sind eine Generation von Frauen, die geschwiegen haben. Natürlich nicht alle, die Hippies haben schon sehr herumexperimentiert, aber dies war dennoch  nicht die Regel.
Die gesellschaftlichen Konventionen sahen vor, dass die Frau als Jungfrau in die Ehe ging.
Wohlgemerkt: die Frau!
Ich habe noch nie von einem Fall gehört, bei dem nach der ersten Hochzeitsnacht das Laken oder was auch immer nach einem Beweis der Unschuld seitens des Mannes untersucht worden war!

Da denke ich mir doch: Hm…schon praktisch für Männer.
Eine Frau ohne Erfahrung kann ja gar nicht beurteilen, wie der Mann im Bett ist.
Der ist dann entweder okay, oder eben scheiße, aber das muss ja dann so sein.
Die Frau nimmt es so hin und lebt damit, sagt kein Wort darüber, dass sie es net so dolle findet.
Wenn sie dann an dem Punkt ist, dass sie wahrlich keinen Bock auf das ewige Rein/Raus hat, geht er eben zu einer anderen oder in den Puff.

Wäre ja auch schon unpraktisch, wenn sie sagen würde:
Hey Mann, wir sind keine Karnickel und es geht nicht nur um dich und dein Pimmelchen. Ich möchte auch Spaß daran haben und es genießen. So gefällt es mir nicht!

Ich kenne viele Frauen und erfahrungsgemäß reagieren Männer auf derlei Worte nicht unbedingt gut. Erstaunlich wie viele ein Problem mit Kritik haben und sich in ihrer Männlichkeit (äh, was?) angegriffen fühlen.

Wer nichts sagt, der nicht gewinnt

Auch wenn wir anders leben als unsere Mütter, gibt es viel zu viele Frauen da draußen, die den Mund halten.
Aus Angst vor dem Verlassen-werden, aus Angst vor einem Konflikt, aus Angst vor Zurückweisung, aus Angst vor…

Wieso diese Angst?

Ist es besser in einer unbefriedigenden Beziehung zu leben und dem Mann gefügig zu sein, sich alternativ betrügen zu lassen, alles so irgendwie hinzunehmen als eigene Gefühle und Wahrnehmungen zu offenbaren?
Man tut den anderen Frauen keinen Gefallen, wenn man den Mann in seinem Bewusstsein lässt, ein toller Hengst zu sein, wenn er eigentlich ein (im besten Falle) tollpatschiges kleines Fohlen ist, das immer auch das Potenzial in sich trägt, ein großartiger Hengst zu werden… wenn Frau ehrlich ist.

An Kritik kann man schließlich wachsen!

Die nun um die 60jährigen Frauen, mit denen ich mich unterhalten habe, sind fast alle sexuell frustriert oder mögen keinen Sex.
Gut, vielleicht ne Generationssache.  
Leider gibt es auch viele in meinem Alter, welche es so empfinden.
Und das finde ich verstörend. Wie viel weiter sind wir also in sexueller Hinsicht tatsächlich seit der Weimarer Republik gekommen?

Mal ganz pragmatisch

Auch heute gilt eine Frau, die verschiedene Partner hat, tendenziell als Flittchen und verbraucht. Was da genau ‚verbraucht‘ sein soll, ist mir net so ganz klar. Aber manche Männer erzählen gern irgendwas von nem Schlüssel und nem Schloss, und ich höre dann nicht mehr zu, weil das alles Schmarrn ist.
Ich kann verstehen, dass es aus ihrer Perspektive suboptimal ist, wenn Frau weiß, was sie will und was nicht. Aber das macht es ja nicht besser.

Ebenso finde ich diese Beziehungsratgeber kaum pragmatisch, die empfehlen, dass Frauen niemals beim ersten, zweiten oder fünften Date mit dem Mann Sex haben sollten, weil sie das in einem schlechten Licht dastehen lässt.
Ist es tatsächlich besser, ein halbes Jahr zu warten, um dann festzustellen, dass er sexuell eine Niete ist? Wie gesagt, gibt es Frauen, die glauben, dass dieser Aspekt nicht so wichtig ist, weil der Mann ja sonst so nett, verständnisvoll und lieb ist.
Ja, seid Freunde…. aber eine Beziehung??? Echt jetzt?

Wenn man dann zum ersten Mal im Leben eine Dildoparty besucht, damit die Freundin da nicht allein hin muss, kann man echt eine Überraschung erleben, wenn man mitbekommt, wie viele Frauen Hilfsmittel für sich und den Partner benötigen, um zu Befriedigung im Bett zu gelangen.
Ich sage ja, der Sex ist eben auch für die Frau nicht unwichtig.
(Ein netter Film zu diesem Thema: In guten Händen (2011). Wie man hysterische Anfälle bei Frauen ‚heilen‘ kann.)

Ergo stimmt meine Theorie. Ich könnte jetzt noch weiter anführen, dass viele dieser Beziehungen auf Dauer nicht funktionieren und in die Brüche gehen, aber das ist nur meine Beobachtung und die ist ja auf einen Menschenkreis beschränkt.  Andererseits muss ich zugeben, dass auch guter Sex allein nicht reicht, damit eine Beziehung funktioniert.
Alles nicht so einfach, mit den Menschen, den Gefühlen und der Libido.

Spiegelei, Rührei, hartgekocht oder weich?

Worauf ich letztendlich hinaus will:

Es kann nicht angehen, dass Frauen ständig ihr Licht unter den Scheffel stellen müssen, damit eine Beziehung funktioniert. Es kann nicht angehen, dass sie alles hinnehmen müssen, damit sich Mann in seiner Männlichkeit nicht angegriffen fühlt.
Es kann nicht angehen, dass sie schweigen sollen, damit er psychisch und physisch einen hochkriegt. Es kann nicht angehen, dass so viele Frauen ihre eigene Sexualität und ihr eigenes Wesen von anderen definieren lassen, anstatt sie selbst für sich zu bestimmen.

Eine Beziehung sollte ein Austausch sein, beide sollten miteinander reden und deutlich machen, was sie wollen, was sie nicht wollen, wie sie sich eine Beziehung vorstellen und wo die gemeinsamen Nennen sind bzw. geschaffen werden können.

Irgendeinem Bild entsprechen, von dem man annimmt, der Partner wünsche sich dies, wird nicht funktionieren. Zumindest wird man psychisch früher oder später daran leiden. Man wird in einer Beziehung sein und sich doch allein und einsam fühlen.  

Vorausgesetzt man will geliebt werden, dann doch als das einzigartige und stets im Gewinn neuer (Selbst-)Erkenntnisse wachsende Wesen, das man ist. Das Wesen mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen, mit eigenen Dämonen und Hoffnungen.

Wenn man schließlich bei seinem Partner nicht man selbst sein kann, wenn man dem Menschen, mit dem man im Idealfall den Rest seines Lebens verbringen will, nicht ehrlich sagen kann, was man denkt und fühlt…

welchen Sinn und Wert hat diese Beziehung dann eigentlich?

Für mich persönlich keinen… aber diese Entscheidung muss jede Frau für sich treffen.

Ich freu mich auf eure Kommentare und Gedanken!

2 Gedanken zu „Bei den Eiern gepackt

  1. Ich danke dir.
    Wieder sprichst du mir aus dem Herzen. Was kann eine Beziehung Wert sein, wenn ich nicht ich selbst sein kann, oder mein Partner auch mal schwach sein darf ohne direkt seine Männlichkeit einzubüßen.
    Aber auch die Geschichte der Ehe und was die Frau für eine Bedeutung hat, ist leider korrekt wieder gegeben. Frau war und teilweise ist einfach nur eine Zuchtstute für die Männer. Das war natürlich nicht nur in der Weimarer Republik so, sonder eigentlich schon immer. In den Industrieländern haben wir uns teilweise davon distanziert, Aber auch nicht völlig. Der Kampf geht also weiter. Wir müssen unseren Kindern, den Mädchen aber auch den Jungen, beibringen dass jeder so sein darf/muss wie er/sie ist.
    Liebe Branka ich freue mich schon auf den nächsten Artikel.

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