Von Verlusten und dem Gewinnen

Watt Kurt C. nie gelernt hat

Die meisten Menschen bringen ihren Kindern bei, dass es im Leben auf das Gewinnen ankommt. Und ja, Gewinnen ist schön… es erzeugt sicherlich ein Hochgefühl, welches niemand missen will.
Die Trophäen schmücken so dekorativ das Wohnzimmer, die Auszeichnungen sehen gerahmt so schick aus, so beeindruckend…
Hier, schaut her! Das sind meine Erfolge! Ich bin ein Gewinner!

Im Umkehrschluss lernen diese Kinder, dass sie Versager sind, wenn sie eben nicht gewinnen. Sie kommen sich klein und mickrig und ungenügend vor.
Der Selbstzweifel durchdringt ihren Geist, ihre Gedanken, ihr Leben.
Viele verlieren sich später selbst…
in Depressionen, in Alkohol, in Drogen, in Exzessen, in destruktiven Beziehungen, in…

Was ihnen trauriger Weise selten jemand klar macht:
Im Leben gibt es mehr Niederlagen als Gewinne!
Das Leben an sich ist vollgetränkt mit Verlusten, und einen wahren Gewinner erkennt man eigentlich daran, wie er mit diesen umzugehen lernt.

Ich saß letztens mit einem sportlichen Freund in der Bahn und wir unterhielten uns über sein bevorstehendes Spiel.
Er behauptete, dass es auf das Gewinnen des Spiels ankommt, dass man einen Glücksrausch erlebt, wenn man gewinnt. Ich sagte, dass man immer gewinnt, wenn man Spaß beim Spiel hat.
Er lachte und witzelte, das sei ja so, wie wenn man allen Kindern eine Auszeichnung lediglich für die Teilnahme am Sportfest überreichen würde.
Ja genau… und ich hoffe die Kinder hatten sehr viel Spaß daran und haben viel gelacht!

Es kommt also immer darauf an, was man gewinnen will und wie man Gewinn definiert. Ich sehe den Spaß-am-Spiel-an-sich-habenden-Spieler immer noch als den glücklicheren an, denn der gewinnt in jedem Fall eine fröhlich verbrachte Lebenszeit, und wenn er zudem auch noch das Spiel gewinnt… Kirsche auf der Sahne!

Ich glaube, mein sportlicher Freund mag kein Eis mit Sahne. Der kriegt nur noch Kirschen! Mal sehen, wie ihm das gefällt.

Verlust als elementarer Bestandteil unseres Lebens

Wir verlieren,
jeden Tag irgendetwas…
Den tausendsten 2,99€-Regenschirm von einem der beiden Drogeriemärkte, den linken Handschuh, die Kinokarte als Erinnerung an diesen einen tollen Abend, das Feuerzeug, den Kugelschreiber, die Einkaufsliste…

Neben den endlos vielen Kleinigkeiten, deren Verlust kaum eine Beachtung verdient, weil wir ihn zum alltäglichen Leben dazugehörig finden und ihn unbewusst mit einkalkulieren, gibt es auch viele andere Möglichkeiten des Verlustes, die wie gar nicht wahrnehmen oder nicht so selbstverständlich akzeptieren.

Wir verlieren Lebenszeit… und wir gewinnen an Erfahrung.
Wir sind nicht Unsterbliche, die für alle Zeiten auf der Erde wandeln werden.
Jeder einzelne Tag, den wir erlebt haben, ist gleichermaßen ein verlorener Tag Lebenszeit. Wir verlieren jeden Tag ein kleinwenig Energie, unsere Zellen verlieren immer mehr die Fähigkeit sich schnell und in hohem Maße zu teilen und zu erneuern.

Wir sehen uns dem Verlust unserer Jugend gegenüberstehen, dem Verlust unseres alten Ichs, mit der Möglichkeit, dass das neue Ich ohnehin besser wird.
Gar schlimm wird es, wenn wir anfangen Erinnerungen zu verlieren oder unsere Gesundheit. Wenn der als funktionierende Maschine betrachtete Körper nicht mehr so mitmachen will, wie wir es gerne hätten.

Wir müssen mit privaten und beruflichen Verlusten umgehen.
Der Job, den man nicht bekommen oder dann verloren hat. Die Träume, die man nicht realisieren konnte. Die Beziehung, die nicht funktioniert hat und die man beenden musste, weil sie so nicht erfüllend war. Das Leben, das man gelebt hat und das nun nie wieder so sein wird, wie es war.
Manchmal auch das Leben und die Beziehung, die hätten sein können, aber nicht wurden. Die Chancen, die nicht realisiert werden konnten aufgrund mancher Umstände.

Der Mann, der einen verlassen hat. Die Liebe, die nicht am Leben gehalten werden konnte. Der Freund, der eine Abzweigung genommen hat und sich nun nicht mehr auf dem gleichen Weg befindet.
Die hohen Ansichten, die wir von einem Menschen hatten, und die wir verlieren mussten, als wir der Realität des Menschen begegnet sind.
Die geliebten Menschen, die der Tod aus unserem Leben reißt.

Ewige Verlierer, die doch gewinnen

Wir sind alle Verlierer!
Wir verlieren alle so viel, dass es mich immer wieder in Erstaunen versetzt, dass wir nicht alle in einer Klapse sitzen.
Aber vielleicht ist die Welt einfach nur ein riesengroßes Irrenhaus!
Da kann man ja auch dann das Beste daraus machen!

Wenn man sich erstmal bewusst gemacht hat, dass das Leben so ist, ist es gar nicht mal so schlecht. Wenn man nicht mehr den Anspruch an sich stellt, alles immer richtig machen zu müssen, immer gewinnen zu müssen, weil das vollkommen utopisch ist, dann und nur dann kann man sich befreien und anfangen, das Leben zu genießen.
Dann fängt man an, sehr viel zu gewinnen…
ein möglicherweise von Freude erfülltes, sinnvolles Leben.
Dann trachtet man nicht mehr nach Trophäen, die aus kaltem Metall erstellt wurden, um sich gut zu fühlen.
Dann verlangt man nicht mehr nach Auszeichnungen, die einem vorgaukeln, man habe etwas erreicht.
Wenn man anfängt, den Verlust als Teil des Lebens zu akzeptieren, wenn man nicht mehr erwartet, dass das Leben immer gut und glücklich sein muss, dann gewinnt man so viel mehr echtes Er-Leben und Mensch-Sein dazu.

Der Verlust schmeißt einen immer noch zu Boden, man trauert und heult und wütet und bockt, aber mit der Zeit rappelt man sich viel schneller wieder auf.
Und wie Rocky Balboa und der Vater von Bruce Wayne schon sagten: nur darauf kommt es an! Wieder aufstehen!
Als Kinder konnten wir das ja auch! Es wäre uns nicht im Traum eingefallen, heulend liegen zu bleiben und den ganzen Spaß, der da noch kam, zu verpassen.

Die Augenblicke, die es ausmachen

Mein Auto, mein Haus, meine Frau, mein Kind, mein Baum, mein Hund, mein mein mein…
Der Mensch ist eine Insel, okay.
Der Mann aus dieser Werbung war mir schon immer sehr unsympathisch, weil ich seine Ansicht vom Leben und seine Erwartungen an sich selbst und das Leben nie nachvollziehen konnte. Sei’s drum.

Ja, wir sind alle egoistisch, die einen mehr, die anderen weniger.
Ja, mein Bier teile ich nicht mit jedem und meine Pizza will ich auch lieber für mich haben. Aber ich kauf dir gern ein eigenes Bier und eine eigene Pizza und setz mich mit dir an einen Tisch, so dass wir gemeinsam genießen können und uns austauschen können.
Es würde mir nicht im Traum einfallen, mich über dieses Bier oder diese Pizza zu definieren, wieso also über ein Auto oder ein Haus?

In dieser Scheiße, genannt Leben, die letztendlich nicht länger andauert als der Flügelschlag eines Kolibris (und wir haben alle eine Vorstellung davon, wie kurz das ist!), sind es die Momente der wahren Intimität, der echten Verbundenheit mit einem anderen Menschen in unserem sonstigen Inselleben, auf die es (unter anderem) ankommt.
Ich meine keine oberflächlichen Beziehungen, in denen sich die Partizipierenden vorgaukeln nicht allein zu sein und sich zum Beweis so vollkommen liebevoll ‚Schaaaahaaaatz‘ und ‚Haaaaaasiiii‘ nennen und sich gegenseitig auf der FB-Pinnwand öffentlich ihre Liebe immer wieder versichern! (Reden die überhaupt miteinander so in der realen Welt??? Weiß das wer???)

Es sind diese seltenen Augenblicke, in denen man mit einem anderen Menschen gerade auf einer Wellenlänge surft. In denen man gemeinsam lacht oder weint, in denen man sich dem anderen so vollkommen öffnet, sich ihm geistig nähert und beide die absolute Verbundenheit spüren.
(Ja, kann auch im Bett passieren, muss es aber nicht.)
Ich meine diese Erlebnisse, in denen zwei Individuen absolut authentisch sie selbst sind und dennoch für den Bruchteil einiger Sekunden, Minuten, manchmal auch Stunden, eine vollkommene Einheit bilden.

Das sind die Momente, in denen man wirklich keine Insel ist. Das sind die besonderen Momente, die das Leben dann tatsächlich sinnvoll füllen. Das sind die Augenblicke, in denen man ein Gewinner ist, weil alle Verluste und alle Scheiße für einen kurzen Zeitraum vergessen und verloren sind und man glücklich ist….
Augenblicke, in denen man unsterblich ist.

Und das alles ganz ohne bewusstseinsstimmulierende und -verändernde Mittel! Zwinker, zwinker!

Wie gesagt ist es immer die Frage was man gewinnen will… Trophäen, Ansehen, Boni…. oder Freude, innere Erfülltheit, Verbundenheit, Glück…
ein jeder ist eben seines Glückes Schmied.
Ein jeder sollte nur nie vergessen, dass das Leben furchtbar kurz ist und der ganze Spaß viel zu schnell vorbei ist.

Beeinflusst von dem Gedenken eines lieben Menschen, der leider gehen musste, hab ich nun ein Weilchen auf dem Boden gelegen.
Ich höre ihre Stimme aus der Vergangeheit, die mir sagt, dass ich mich mal zusammenreißen soll.
Ich denke, ich stehe jetzt wieder auf. Sonst verpasse ich ja den ganzen Spaß, der da noch darauf wartet, erlebt zu werden.

Ich freu mich auf eure Kommentare und Gedanken!

4 Gedanken zu „Von Verlusten und dem Gewinnen

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