Spieglein, Spieglein an der Wand…

Schön ist wüst, und wüst ist schön

Wie leicht wäre das Leben, wenn es, den Märchen unserer Kindheit gleich, tatsächlich aufgeteilt wäre in:
(objektiv) schöne Menschen sind gut,
(objektiv) hässliche Menschen sind böse.
Da wüsste man immer ganz genau, mit was für einem Menschen man es zu tun hat. Keine Enttäuschungen…

Aber bei genauerer Überlegung, sind selbst in Märchen nicht alle Schönen so gut, einige Böse schaffen einen Zauber der Schönheit um sich und manch ein Hässlicher hat eine innewohnende Schönheit.
Das Leben in den Märchen ist also doch nicht so leicht und einfach gestrickt, wie es den Anschein hat.

Als Kinder wissen wir das jedoch noch nicht, als Kinder stellen wir uns die Prinzessin wunderschön und die Hexe als hässliche alte Frau vor.
Die Tatsache, dass Schneewittchens Stiefmutter die ‚Schönste im ganzen Land‘ war, blenden wir in unserer Vorstellung aus, denn Schneewittchen ist ja noch schöner, also kann die alternde Königin gar nicht so schön sein, weil sie zudem auch endlos böse ist.

Disney hat den Clou gut hinbekommen, die böse Königin so zu vermummen (dass die bekloppten Islamgegner das noch nicht benutzt haben, wundert mich ja) und zu überschminken, sodass sie mit ihrem ‚bösen Blick‘ auch tatsächlich böse wirkt.
Zudem erscheint sie später in der Gestalt der alten Hexe, was natürlich ihr eigentliches, inneres Wesen zum Ausdruck bringt.

Auch eine vertrocknete Rose bleibt eine Rose

Aber was ist mit den Frauen, die in ihrer Jugend schön gewesen waren, wenn sie älter werden? Was ist, wenn sie in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die ihnen eingetrichtert hat, dass Frauen immer schön sein müssen, weil es nur darauf ankommt. Nur mit ihrer körperlichen Schönheit können sie einen Mann an sich binden und halten. Aufgrund ihrer äußeren Schönheit werden sie in der Gesellschaft respektiert und angesehen.
Was ist mit ihnen, wenn eine schönere und jüngere Frau auf den Plan tritt?

Die Panik, die Angst, die Trauer… aus dieser Perspektive, kann einem die Königin nur leidtun.
Selbstverständlich ist in diesem Fall nicht Schneewittchen das Problem, wobei es auch Frauen gibt, die gerne die ältere als Konkurrenz sehen und diese ausstechen wollen.
Grundlegend ist die Gesellschaft das Problem, die das Verblassen der Jugend und der optischen Schönheit mit Hässlichkeit und Un-Attraktivität gleichsetzt.

Im viktorianischen England wuchs eine kleine Agatha Miller auf, die später eine große Schriftstellerin wurde.
(Achtung Werbung: Ein eigener Beitrag zu dieser eindrucksvollen Frau wird demnächst folgen.)
Obwohl sie in eine ziemlich liberale Familie hineingeboren wurde, die auch die geistige Entwicklung einer Frau als wichtig erachtete, wurde ihr dennoch von ihren Großmüttern/-tanten suggeriert und eingetrichtert, dass sie den Mann nur halten kann, wenn sie schön, attraktiv und interessiert (Obacht: keineswegs ‚interessant‘!) bliebe.
Sie müsse den Mann immer an die erste Stelle setzen, was Agatha in ihrer ersten Ehe auch wirklich versuchte.

In ihren Jugendjahren galt sie als hübsch und bezaubernd, und ein gewisser Archie Christie verliebte sich unsterblich in das feenhafte Geschöpf.
Agatha besaß jedoch auch inneren Reichtum, charakterliche Schönheit und einen unabhängigen Geist, und damit hatte ihr Ehemann immer wieder zu hadern.
In den zwölf Jahren der Ehe wurde Agatha älter und in den Augen ihres Mannes optisch hässlicher.
Aus der feenhaften Gestalt wurde ein üppigeres Figürchen.
Ein Zustand, der sie immer wieder belastete, da sie den Verlust ihrer vergangenen Schönheit bedauerte. Diesem schrieb sie auch den Verlust ihres Ehemannes zu, der sie wegen einer deutlich jüngeren und schöneren Frau sitzen ließ.

Die alte Geschichte, die im vergangenen Jahrhundert häufig geschrieben wurde: schöne Frau trifft Mann, Mann verliebt sich, die beiden heiraten, äußere Schönheit der Frau vergeht, Mann betrügt sie und verlässt sie nach 10, 20 oder 30 Ehejahren.

Natürlich ist das Ganze weitaus komplizierter und vielschichtiger.
Natürlich hängt es nicht nur vom optischen Erscheinungsbild der Frau ab.
Natürlich hatte Archie ein immenses Problem mit dieser eigenwilligen, selbstständigen und erfolgreichen Ehefrau.
Natürlich hatte sie ihre Komplexe und Selbstzweifel, die sicherlich auch destruktiv auf die Gesamtsituation eingewirkt haben.
Natürlich…

Schön ist nicht gleich schön

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und dennoch gibt es Schönheit, die von (fast) allen als ebendiese wahrgenommen wird.
Es handelt sich um oberflächliche, generelle Schönheit, die das Auge und das Herz erfreut.
Ein Werk von Michelangelo, ein Sonnenaufgang, eine Melodie, ein optisch wirklich schöner Mensch… der Anblick / das Gehörte macht einfach Freude und das ist auch gut so.

‚Sexuell reizvolle Schönheit‘ ist aber was anderes als ‚generelle Schönheit‘ als ‚oberflächliche Schönheit‘ als ‚tiefergehende Schönheit‘.
Sie alle rufen unterschiedliche Gefühle hervor, die alle dennoch angenehm sind. Verkürzt entzündet die sexuell-reizvolle den Trieb, die Lust.
Generelle Schönheit spricht den Geist an, das Staunen, das Gefühl von etwas Vollkommenen in einer Welt des Chaos.
Die sehr subjektive oberflächliche Schönheit den Geschmack, die Bewunderung, die Sympathie.
Tiefergehende ist gekoppelt an die tieferen Gefühle, wie Zuneigung und Liebe.

Sie alle können eine Verliebtheit hervorrufen, auf verschiedenen Ebenen und für unterschiedliche Zeiträume.
Der Fehler, den die meisten Menschen meiner Meinung nach machen, ist, alle diese Arten der Schönheit und der Gefühle, die sie hervorrufen, in einen Topf zu werfen. Diese nicht als das wahrzunehmen, was sie eigentlich sind.

Das alles kann man selbstverständlich noch differenzierter darstellen, aber das soll ja hier keine wissenschaftliche Arbeit werden, sondern nur zum Nach- und Überdenken anregen.

Welche Art der Schönheit für den Einzelnen eine Rolle spielt, muss jeder irgendwie für sich entscheiden. Häufig schwanken wir zwischen den jeweiligen Arten. Manche Menschen bewusst, die meisten sehr unbewusst.

Jedem die Schönheit, die er ersehnt

Ich kenne einen Mann, der optisch absolut meinen (subjektiven) Geschmack trifft.
Groß, stark, dunkel, sehr attraktiv. (Der Klassiker aller Wahrsagerinnen…. Sie werden einen schönen, dunklen Mann treffen!)
Ich kann seine Oberfläche wie ein Gemälde bewundern und mir einbilden, ich sei verliebt. Dann wird jedoch klar, dass sein Geist sehr durchschnittlich ist und er eigentlich ein langweiliger und sachlicher Mensch ist.
Für mich ist er für den Moment immer noch optisch schön, aber mehr auch nicht.

Ich kenne auch einen Mann, der optisch nicht schön ist. Er ist nicht hässlich,
nur – objektiv betrachtet – nicht schön.
Aber sein innerer Reichtum, seine Vielfältigkeit, seine Liebenswürdigkeit, seine geistige Weite, seine Phantasie, sein grenzenloser Humor, machen ihn zu einem der schönsten Menschen, denen ich je begegnet bin.
Er besitzt eben diese tiefergehende Schönheit, die mit der Zeit Gefühle weckt, die ihn auch optisch immer schöner erscheinen lassen.

Es gibt Männer, die wollen einfach nur ein hübsches Gesicht und einen hübschen Körper an ihrer Seite.
(Wozu das gut sein soll, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Was machen die den ganzen Tag? Ich muss Herrn Trump mal ne E-Mail senden.)
Dazu passend gibt es Frauen, die lediglich auf ihre äußere Schönheit und ihren Sexappeal achten, und sich mit der Rolle des hübschen Accessoires an der Seite des Mannes, oder des Betthäschens, zufriedengeben.
Wenn es sie alle glücklich macht, sollnse!

Es gibt Männer und Frauen, die eine bestimmte subjektive Vorstellung von oberflächlicher Schönheit haben, und alles, was nicht in diese Vorstellung passt, bekommt keine Chance auf mehr.
Arme Narren, denn ihnen entgeht eine Menge.
Aber wenn es sie alle glücklich macht, sollnse!

Es gibt auch Menschen, die sich über äußere Schönheit freuen und sie genießen, die sich jedoch davon allein nicht blenden lassen.
(Na sicher ist ein gut gebauter Typ heiß, und wir bekommen Zuckungen in der Gebärmutter. Das bedeutet aber nicht, dass wir restlos verliebt sind oder den Kerl für eine Beziehung auch nur in Betracht ziehen! Siehe oben: sexuell reizvolle Schönheit!) Diese Menschen blicken auch in die Tiefe, hinter die Fassade und entdecken dort womöglich atemberaubende Schönheit.

Schönheit, die die Welt rettet

Schönheit in jeglicher Variante zu erkennen ist eine Lebenseinstellung, die man täglich über muss.
Ich bin der Meinung, dass man überall Schönheit in all ihren Formen finden kann, wenn man nur mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht.
Und ich denke auch, dass Schönheit wichtig und Balsam für die Seele ist.

Es liegt ganz allein an uns, ob wir uns unserer Erziehung zum oberflächlich-schön-sein-müssen unterwerfen, oder aus dieser herauswachsen.
Wir alle wollen schön sein. Wir alle haben das Bedürfnis, als schön zu gelten.
Niemand will hässlich sein. Die Frage ist jedoch, muss diese Schönheit immer nur auf der Oberfläche gegeben sein.
Wie traurig muss ein Leben sein, welches lediglich auf äußerer, oberflächlicher Schönheit gründet.

Es gibt Tage, an denen finde ich mich wunderschön (äußerlich wie innerlich).
Es gibt Tage, an denen finde ich mich grenzenlos hässlich (äußerlich wie innerlich).
Es gibt Tage, an denen ist es mir vollkommen egal, weil ich überhaupt nicht darüber nachdenke. Das sind die besten Tage, und es sind nicht wenige.

Eine liebe Freundin, die mich immer wieder beeindruckt, schickte mir in einer meiner Selbstzweifel-Phasen ein herrliches Zitat (keine Ahnung, von wem es eigentlich ist):

Wenn die ganze Welt blind wäre, wie viele Menschen würdest du beeindrucken?

Ich hoffe sehr, dass jeder sich selbst auch zu den Menschen zählt, die er oder sie beeindruckt.

Ich freu mich auf eure Kommentare und Gedanken!

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